Summer in the City für Literaturinteressierte

 

Die literaturwissenschaftliche Moderation am 27.07. und 16.08. übernimmt PD Dr. Anna-Katharina Gisbertz. Seit Ihrer Promotion an der University of Chicago arbeitet Sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Neuere Germanistik II an der Universität Mannheim. Sie ist Vorstandsmitglied der Hugo von Hofmannsthal-Gesellschaft. Ihre Habilitationsschrift verfasste Sie zum Thema 'Die andere Gegenwart. Geschichte, Narration und Fiktion in neueren Generationserzählungen'.

Das literarische Italien: Alte und neue Mythen am 27. Juli

Italien kann sich durch sein kulturelles Erbe, das Klima und die kulinarischen Genüsse wohl noch immer als Sehnsuchtsland Nr. 1 behaupten. Spätestens seit Goethes Italienbegeisterung gehörte es zum guten Ton nicht nur der adligen, sondern auch der gehobenen bürgerlichen Gesellschaft, sich dorthin auf Bildungsreise zu begeben. Was man sehen konnte zu beschreiben, brachte seit 1800 auch eine enorme literarische Tätigkeit hervor.
Dabei wichen die Wahrnehmungsweisen und die Auffassungen von Bildung stark voneinander ab, was rückblickend sowohl ein Bemühen um die Konstruktion Italiens als Wiege der eigenen Kultur als auch eine ebenso aufklärerisch inspirierte Kritik an den politischen Zuständen der Zeit deutlich macht. Drei Texte haben großen Einfluss auf die Italienwahrnehmung der Deutschen seit 1800 ausgeübt: Johann Wolfgang von Goethe: Italienische Reise (1816/17), Johann Gottfried Seume: Der Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802 (1803) und Joseph von Eichendorff: Aus dem Leben eines Taugenichts (1826). Ihre Vorstellungen von Italien hinterlassen, so die Vermutung, deutliche Spuren bis in die Gegenwart.

Vom Spazieren. Ein Kulturmuster im Visier am 16. August

„Lieber Leser: Spitze die Ohren! Glaubst du nicht, daß da draußen etwas passiert?“ Wer es glaubt und die Lust am Erlebnis und der Zerstreuung spürt, geht spazieren. Der Genuss des Gehens auf vertrautem Terrain gehört heute zum Alltag, stand aber nicht immer als Fortbewegungsart zur Verfügung. Vielmehr musste der Spaziergang zunächst in den französischen Gartenanlagen des 17. Jahrhunderts entdeckt werden, und er bezog sich bei seiner rasanten Verbreitung nicht nur auf ein kulturell bestimmtes Bewegungsmuster des Körpers, sondern auch auf das Moment der geistigen Beweglichkeit.

Während Nietzsche den Spaziergang zur Voraussetzung des Denkens macht – nach dem Motto: „nur die ergangenen Gedanken haben Wert“ – hat der Entzug der körperlichen Bewegung bei anderen Autoren (Robert Walser, Peter Handke) Kopfspaziergänge hervorgebracht, die den Mangel kompensieren sollen. Wohin führen sie? Ein Einblick in bedeutende literarische Spaziergänge seit Rousseau zeigt, inwiefern der Zusammenhang von Bewegung, Raum und Körper je kulturellen Codes unterworfen ist. Wer wann, wo und warum spazieren geht – und noch darüber schreibt – steckt zugleich seine körperliche und geistige Umgebung ab.

Das gilt auch für Niros Maleks Der Spaziergänger von Aleppo (2017), der bedrückende Miniaturen über eine zerstörte Stadt enthält, sich gleichzeitig aber als Kopfspaziergang auch die weiten Räume und Zeiten der Literatur zu eigen macht.

 

Die literaturwissenschaftliche Moderation am 07.09. übernimmt Prof. Dr. Michaela Kopp-Marx von der Uni Heidelberg.

Patrick Roth „Meine Reise zu Chaplin – Ein Encore“ am 07. September

Im Mittelpunkt des letzten Literarischen Abends zum Thema Reise steht das Jahrhundertgenie des Films, Charlie Chaplin. Von der magisch-konkreten Begegnung mit dem verehrten Meister erzählt Patrick Roth in seinem kleinen großen Buch „Meine Reise zu Chaplin“.

Alles beginnt im Dunkeln: Wenn das fiebrige Kind zum Chaplin-Schauen aufs Sofa umgebettet wird, wenn der Dreizehnjährige sich auf dem Schulhof in die Quintanerin verliebt, die Geraldine Chaplin ähnlich sieht, wenn der 22-jährige Filmstudent im Dunkel des „Encore“ zum ersten Mal „Lichter der Großstadt“ sieht und spontan beschließt, Chaplin einen Besuch abzustatten, um ihm einen Brief zu überreichen.

22 Jahre nach der Reise zum bewunderten Vorbild geht Roth die Reiseroute nochmals ab. Schritt für Schritt macht er sich den Grund seiner Chaplin-Begeisterung bewußt. Es ist das Ereignis der Berührung zwischen dem Tramp und dem ehemals blinden Blumenmädchen, das er als den „heiligsten Moment der Filmgeschichte“ erkennt und in seiner Erzählung noch einmal beschwört.

Patrick Roth, ein gebürtiger Breisgauer des Jahrgangs 1953, erzählt all dies mit einer ergreifenden Intensität, die zeigt, dass man mit Worten denselben lebensverändernden Zauber erreichen kann, wie sonst nur das Kino. Ein Encore, das jeder kennen sollte, der zu lesen und zu reisen versteht.

Patrick Roth, Meine Reise zu Chaplin. Ein Encore. Wallstein Verlag

 

Eintritt: 9 Euro, Studenten 3 Euro, Mitglieder frei 

 

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